In der Hoffnung, dass wir dank der Impfstoffe bald aus diesem Ausnahmezustand herauskommen und zu unserem normalen Leben zurückkehren können, hielt ich es für sinnvoll, euch einige Informationen über das Tauchen bei Personen zu geben, die von einer COVID-19-Infektion betroffen waren.
Das Tauchen ist eine Aktivität, die unseren Körper körperlich stark beanspruchen kann. Unsere Lungen müssen mit Druckveränderungen, Veränderungen der Dichte der eingeatmeten Gase, Veränderungen der Partialdrücke der Gase und der Notwendigkeit, Inertgase auszuscheiden, zurechtkommen. Auch unser Herz-Kreislauf-System muss mit der Zentralisierung des Blutvolumens, Anstiegen des systemischen Blutdrucks und thermischem Stress fertig werden, um nur einige zu nennen. Diese Belastungen erfordern ein gutes Maß an körperlicher Fitness, damit unser Körper all diese Veränderungen sicher bewältigen kann. Genau das überprüft der Arzt bei einer tauchmedizinischen Untersuchung für Taucher: ob die körperliche Verfassung ausreicht, um den Herausforderungen des Tauchens zu begegnen.
Inzwischen haben wir alle von COVID-19 gehört, an das Jahr 2020 werden wir uns wegen der Pandemie erinnern und wegen dem, was dieses Virus verursacht, das sich bei manchen Menschen mit schwereren Symptomen zeigt als bei anderen, und bei wieder anderen sogar völlig symptomlos verläuft. Die wissenschaftlichen Studien zu COVID-19, beziehungsweise dem schweren akuten respiratorischen Syndrom Coronavirus 2 (SARS-CoV-2), werden ständig aktualisiert, aber es gibt noch immer vieles, was wir über diese Krankheit nicht wissen.
Die Langzeitfolgen von COVID-19 sind noch unbekannt, aber wenn sich dieses Virus ähnlich verhält wie andere bereits bekannte Coronaviren (MERS oder SARS-CoV-1), dann sagen uns die verfügbaren Studien und Daten, dass dies langfristige Schäden verursachen könnte. Außerdem zeigen klinische Veröffentlichungen Fälle mit schwerer Beeinträchtigung von Lunge, Herz, zentralem Nervensystem und Nieren nach einer COVID-19-Infektion.
Können diese Langzeitfolgen Auswirkungen auf einen Taucher beim Tauchen haben?
Die bisher bekannte Antwort stützt sich auf die verfügbaren wissenschaftlichen Veröffentlichungen: die Pathophysiologie von COVID-19 in Bezug auf das Tauchen, Studien und Erfahrungen mit ähnlichen Erkrankungen. Auf Grundlage dieser Erkenntnisse sind die wichtigsten Bedenken für Taucher und die Tauchsicherheit:
– Eine verbleibende Lungenerkrankung durch COVID-19 führt zu einer verringerten Belastbarkeit. Taucher haben während des Tauchgangs einen höheren Atemwiderstand aufgrund einer reduzierten Compliance der Brustwand, einer höheren Dichte der eingeatmeten Luft und eines verringerten Volumens infolge von Flüssigkeitsverschiebungen im Körper. Das könnte für Lungen mit verbleibenden Schäden nach einer COVID-19-Infektion zu viel sein.
– Verbleibende Vernarbungen, Fibrose und strukturelle Anomalien wie “blebs“ oder “bullae“ in der Lunge erhöhen bei einem Taucher das Risiko einer Lungenüberdehnung während des Auftauchens.
– Eine verbleibende Lungenerkrankung, Schäden an den Alveolen und am pulmonalen Gefäßsystem könnten zu einem weniger effizienten Gasaustausch führen und damit zu einer unzureichenden Stickstoffabgabe während des Tauchgangs, wodurch der Taucher ein höheres Risiko hat, eine Dekompressionskrankheit zu entwickeln.
– Möglicherweise erhöht eine COVID-19-Infektion das Risiko für koronare Herzkrankheit, Herzinsuffizienz, Kardiomyopathien und Bluthochdruck. Die steigenden Anforderungen, die das Tauchen an das Herz stellt, machen diese kardiovaskulären Anomalien zu einer Kontraindikation fürs Tauchen. Es sind bekannte Risikofaktoren für das Lungenödem beim Tauchen und für tödliche Tauchunfälle.
– Man geht davon aus, dass die Dekompressionskrankheit ein prothrombotischer Entzündungszustand ist. Eine hohe Rate an venösen Thromboembolien, die bei COVID-19-Patienten festgestellt wurde, könnte die Entwicklung der Dekompressionskrankheit bei Tauchern beeinflussen oder begünstigen.
Obwohl viele, wenn nicht alle, dieser aufgeführten Faktoren nicht wissenschaftlich bewiesen sind, überrascht es nicht, dass unter Tauchmedizinern dennoch große Vorsicht herrscht. Auf Grundlage der besten verfügbaren Erkenntnisse hat die EUBS daher Leitlinien zur Beurteilung der Tauchtauglichkeit von Tauchern erstellt, die von einer COVID-19-Infektion betroffen waren. Dies sind Empfehlungen, also keine Verpflichtung. Aber wenn ihr mich fragt, sage ich:
Vorbeugen ist besser als heilen, besonders in der Tauchmedizin!
In der Übersicht habe ich die Empfehlungen vom 21. Mai 2020 der EUBS (European Underwater and Baromedical Society) und des ECHM (European Committee for Hyperbaric Medicine) zum Sport- und Berufstauchen für Personen, die eine COVID-19-Infektion durchgemacht haben, zusammengefasst.
Esther
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